10.02.14 10:00 Alter: 3  Jahre

Steine und Scherben sprechen

Von: Barbara Schmidt - Artikel im Main-Echo vom 10.02.2014

Vortrag: Archäologe Harald Rosmanitz berichtet über Grabungsfunde 2012 und neue Erkenntnisse auf Burg Wildenstein

Eschau: Ruinenromantik pur auf Burg Wildenstein im Wald überm gleichnamigen Weiler bei Eschau: Über bröckelndem Gemäuer lag der morbide Charme des Vergänglichen, bis die Burgfreunde kamen und den Verfall stoppten. Hier floss viel Schweiß: vor 800 Jahren beim Burgenbau, seit 1997 bei Grabungs- und Sanierungsarbeiten. Über die Funde im Jahr 2012 berichtete Archäologe Harald Rosmanitz am Freitag im Gasthaus zum Löwen.

(c) Harald Rosmanitz

Puzzlearbeit im Palas: Der unterschiedliche Bodenbelag zeigt, dass der zunächst große Saal später parzelliert worden ist.

(c) Harald Rosmanitz

Was passt wozu? Expertengrübeln über großen Werkstücken, geborgen in der Grabungsphase 2012 auf Burg Wildenstein unter Leitung von Harald Rosmanitz vom Archäologischen Spessartprojekt

Drei Jahre lang haben unter Leitung von Rosmanitz vom Archäologischen Spessartprojekt seine Mitarbeiter und die Helfer der Burgfreunde gemeinsam der Ruine so manches Geheimnis entrissen. Für rund 50 Zuhörer ließ Rosmanitz in seinem reich bebilderten Vortrag die Steine und Scherben sprechen.

Schon kurz nach 1200 eine Burg

Alles deute darauf hin, dass es - früher als bisher angenommen - schon kurz nach 1200 auf dem Berggrat bei Wildenstein eine Burg mit Palas (Saalbau) gegeben hat - Erbauer unbekannt. Um 1240 folgte der Wehrbau der Rienecker als zweitgrößte Burg der Adeligen (Stammsitz im Sinngrund) und eventuell ihre Sommerresidenz, so Rosmanitz. Doch schon 1267 sei es zur Teilzerstörung gekommen im Gebietsstreit mit dem Mainzer Erzbischof.
Das haben wir uns so vorzustellen: Der Mainzer ließ oberhalb der Wildenstein eine wahrscheinlich hölzerne »Gegenburg« errichten (auf einem Gebiets-Scan ist die Stelle sichtbar). Von dort aus schleuderte eine Blide (Wurfmaschine) mächtige Steinkugeln: Geschossbrocken sind gefunden worden, in der Südmauer ist noch heute eine große, geflickte Stelle erkennbar. Möglicherweise wurde damals auch ein fünf- oder sechseckiger Bergfried mit Standort an der östlichen Mauer niedergelegt. Rosmanitz: »An den müssten wir uns noch langsam herantasten.« Um 1330 sei die Burg wieder aufgebaut worden. Es gab dann ein neues Wehrkonzept mit dem inzwischen sanierten Turm, der Rittersaal wurde parzelliert. Etwa 1550 sei die Burg zum Wirtschaftshof umfunktioniert und um 1770 aufgegeben worden.
Die Untersuchung des Palaskellers habe gezeigt, dass er im Hochmittelalter mit Balken gedeckt war und erst später eingewölbt wurde. Der Schutt gab viele Werksteine frei, »teils hochwertige Bauelemente«, so der Referent. Einige von ihnen gehörten zu einem schmalen romanischen Doppelfenster, andere ließen den Schluss zu, dass es auf der Wildenstein einen repräsentativen Kamin mit seitlichen Säulen gegeben hat ähnlich dem auf der Wildenburg bei Kirchzell.

Kleine Funde erzählen vom Leben

Aber auch kleine Fundstücke erzählen viel über das Leben der Burgbewohner, wenn der Fachmann sie einordnet. Der Teil einer Bleiplombe gehörte zu einem Gütesiegel für Tuch (16. Jahrhundert). Mit dem Fragment einer grünen Ofenkachel stellte Rosmanitz eine Verbindung zu Wittenberg und Luthers Zeiten her: Vom Maler und Grafiker Lucas Cranach stammte ein beliebtes Kachelmotiv, das sich in wenigen Jahren weit verbreitete. Und die unscheinbaren Scherben eines verzierten Pflanzgefäßes weisen darauf hin, dass sich auch die Wildensteiner ein kleines Stück »Paradiesgärtlein« im knapp bemessenen Raum ihres Wehrbaues gegönnt haben. Nach den Grabungen wäre es wünschenswert, dass eine exakte Aufmessung der Anlage folgt, so Rosmanitz. »Das ist aber bisher aus finanziellen Gründen nicht möglich.«
Ob sich dafür ein Geldgeber findet? »Schön wär's«, sagt der Vorsitzende der Burgfreunde, Frank Kind. Er vermisst die Unterstützung der Gemeinde. Es gehe um geschätzt 3000 Euro, doch die Kasse sei derzeit leer. Denn fast 25 000 Euro habe der Verein mit seinen hundert Mitgliedern und seinen Sponsoren schon für die Arbeiten an der Wildenstein aufgebracht, dazu ungezählte Arbeitsstunden. Jetzt gehe es darum, die »Baustellen« an der Ruine so abzusichern, dass Besucher sie wieder jederzeit betreten können.

Kritik am Faltblatt

Kritik übte Kind am Wildenstein-Faltblatt des Burgen- und Schlössernetzwerks »BurglandschaftMain4Eck«, dem der Markt Eschau als Mitglied angehört; sein saniertes Altes Rathaus soll Bildungs- und Informationszentrum werden. Der neue Flyer liegt laut Kind seit Kurzem im Rathaus aus. Ohne Rücksprache mit den Burgfreunden seien deren Veröffentlichungen übernommen worden, »einschließlich Tippfehler«. Kind hätte es zudem für sinnvoll erachtet, die neuesten Wildenstein-Erkenntnisse einzuarbeiten.
Barbara Schmidt