Eine Burg mitten im Spessart?

Die Vorgeschichte

Die kleine Burg Wildenstein verdankt ihre Existenz der großen Politik bzw. den Auseinandersetzungen der Grafen von Rieneck mit dem Erzbistum Mainz. Die Gegend um den Wildenstein ist im 13. Jahrhundert Zankapfel beider Parteien. Aufgabe der Burg ist es, den südwestlichen Eckpunkt des Rieneckschen Territoriums zu sichern. Die zunehmende Expansion der Rienecker Grafen wird vom Erzbistum mit wachsendem Argwohn beobachtet, kann aber wegen der Verstrickung der Erzbischöfe in die Reichspolitik [1] nicht wirksam bekämpft werden. Nicht zuletzt werden die rieneckischen Gebietserweiterungen durch den Endkampf des Staufischen Herrscherhauses begünstigt - aller Augenmerk liegt auf Kaiser Friedrich II., der Spessart ist zu diesem Zeitpunkt um 1238/50 zweitrangig.  Erst mit Erzbischof Werner von Eppstein ändert sich die Situation. Der zunehmenden Dreistigkeit der Rienecker wird nun Paroli geboten. Bis dahin haben sie stetig neue Burgen errichtet [2] und Neurodungen im Zentralspessart angelegt. In diesen Burgen und Rodungsdörfern der Rienecker sieht Mainz seine eigenen Territorialinteressen gefährdet. Es kommt zur Fehde.


Die wechselvolle Geschichte einer Burg

Die Burg Wildenstein dürfte um 1230/50 entstanden sein, als das Erzbistum anderweitig beschäftigt ist. Daß der Bering durchweg aus Buckelquadern errichtet wird, deutet auf zweierlei hin: Zum einen haben die Grafen Zeit, denn die Herstellung der kissenförmigen Quader ist aufwändig, zum anderen symbolisieren sie damit ihre Treue zur Stauferdynastie.

Um sich auch kirchenpolitisch im Südwesten des Spessarts eine gesicherte Position zu schaffen, gründen Graf Ludwig II. von Rieneck und seine Frau Adelheid das Kloster Himmelthal bei Rück, das zwei Jahre darauf königliche und päpstliche Privilegien erhält. Die Enstehung der Burg Wildenstein scheint die unmittelbare Folge davon zu sein, sofern sie nicht zeitgleich mit dem Kloster erbaut wird, vielleicht, um ihre eigentliche territorialpolitische Bestimmung durch den (scheinbaren?) Status einer klösterlichen Schutzburg zu verschleiern.

Zwischen Oktober 1259 [3] und Juli 1260 scheint das Erzbistum die Rienecker empfindlich getroffen zu haben. Vorübergehender Abschluß ist die Eroberung der Burg Wildenstein durch Mainz. Zwischen Erzbischof Werner von Eppstein und den Grafen Ludwig III., Gerhard IV. und Heinrich II. von Rieneck kommt es am 21.6.1260 per Vertrag zum vorübergehenden Frieden. Die Bestimmungen, die auf den ersten Blick eine Niederlage Rienecks darstellen, besagen folgendes:

1. Die Grafen von Rieneck werden diesseits (westlich) des Spessarts oder sonstwo auf mainzischem Grund keine Burg oder burgähnliche Befestigung erichten.

2. Sie werden Mainz in seinen Rechten weder im Spessart noch ausserhalb dessen oder sonstwo stören.

3. Die angelegten Bifänge [4] werden aufgegeben.

4. Sie verzichten auf alle Feindseligkeiten wegen der ihnen im Krieg entstandenen Schäden, insbesondere gegen Reinhard von Hanau [5] und gegen jene, die bei der Einnahme der Burg Wildenstein dabei waren.

5. Der Erzbischof wird als Schiedsrichter im Streit zwischen Rieneck und den Herren von Rannenberg [6] bestellt.

Die Urkunde stellt für die drei Grafen einen Verzicht auf eine Ausweitung und Festigung ihres Territoriums dar. Ihre bisherigen Besitzungen sind dadurch in keiner Weise gefährdet. Um Besitz und Rechte um den zum Teil zustörten Wildenstein sichern zu lassen, umgeben die Grafen, zwischen Juli 1260 und Juli 1261 Eschau mit einer Mauer. Mainz sieht das als eindeutigen Vertragsbruch an, besetzt das umwehrte Dorf und stellt die Befestigung in seinen Dienst. Genau betrachtet, haben sich die Rienecker aber an den Vertag gehalten: eine einfache Ummauerung macht noch keine burgähnliche Befestigung aus. Als Gerichtsherren über den Ort hatten die Grafen von Rieneck das Recht zum Bau einer Mauer. Da der Vertrag Burgen oder burgähnliche Bauten verbietet, sind Mauern ausgenommen, deren Vorgraben nur so tief ist, dass ein Mann mit einem Spaten, die Erde noch auf den Rand schütten kann. Die Mauer selbst darf nur so hoch sein, wie ein Reiter reichen kann, Brustwehr oder Zinnen sind dagegen verboten. Mit Recht protestieren die Grafen und sehen ihrerseits den Mainzer Schlag als Provokation an. Ein erneuter Vergleich am 28.6.1261 bei Miltenberg verläuft dementsprechend problematisch: Der Erzbischof läßt die vormals geschlossenen Verträge verlesen, die Grafen verweigern die Anhörung und wollen sich nicht weiter zu der Angelegenheit äußern. Während der Zusammenkunft sollen sich die drei Grafen ungebührlich benommen haben. Ihre Wut über die Einnahme des Dorfes Eschau bekunden sie durch zuhalten ihrer Ohren und lärmen und rasseln mit ihren Waffen, um die Verlesung und die Vernehmung von Zeugen zu stören. Es kommt zu keinem Ergebnis und die Fehde wird weitergeführt. Sechs Wochen darauf, am 5.9.1261 bei der Burg Rannenberg muß Rieneck klein beigeben. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem neuerlichen Vergleich Zwang oder gar Erpressung, denn die Grafen bekennen urkundlich wider besseres Wissen, daß sie gegen den Vertrag von 1260 und zeitlich nach diesem, eine Burg in Eschau errichtet haben. Erzbischof Werner von Eppstein dagegen läßt diese – nun mainzische Anlage – schleifen. Ansonsten müssen die Grafen die im letzten Jahr beschlossenen Punkte neu beeiden. Zusätzlich müssen sie aber versprechen, weder auf Mainzer noch auf eigenem Gebiet im Spessart keine Burg mehr zu erbauen. Eine zweite Urkunde desselben Tages zwingt sie zur Zahlung von 300 kölnischen Denaren an Mainz.

Für fünf Jahre herrscht zwischen den Kontrahenten Frieden, wohl weil Mainz mit anderen Fehden beschäftigt ist. In dieser Zeit fassen die Rienecker neuen Mut und bessern die Burg Wildenstein wieder aus. Das Ergebnis lässt natürlich nicht auf sich warten: Der Erzbischof beauftragt seinen Aschaffenburger Vogt die wiedererstandene Burg zu belagern. Als Zeugnis davon finden sich ca. 380m östlich der Burg an einem Berghang die Reste einer Belagerungsburg, wie sie Werner von Eppstein bei anderen Belagerungen eingesetzt hat [7]. Ob die Burg erobert wird oder die Burgbesatzung den Kampf aufgibt, ist leider nicht bekannt. Vermutlich setzt Erzbischof Werner von Eppstein die Grafen unter Druck, indem er ihnen den Entzug der Mainzer Lehen androht. Jedenfalls kommt es am 17.3.1266 durch eine Urkunde zum Waffenstillstand.Die Grafen Ludwig III., Gerhard IV. und Heinrich II. von Rieneck müssen erneut für sie harte Punkte unterzeichnen:

1. Sie zahlen 500 Silbermark an Mainz, fällig am St. Michaelstag 1266.

2. Für 300 Mark jener Summe verpfänden sie die Burg Wildenstein an Mainz, welche Graf Hermann von Henneberg, der Vermittler zwischen den Parteien bis zum Fälligkeitstag verwaltet [8].

3. Sie haben die Burg Rannenberg an den Henneberger Grafen zu übergeben. Er hat sie mit anderen vor ihr gebauten neuen Burgen innrhalb von 14 Tagen zu zerstören.

4. Sie werden vom Erzbischof in alle "Rechte und Ehren", die sie von Alters her von Mainz besitzen, wieder eingesetzt.

5. Die Gefangenen beider Seiten werden freigelassen.

6. Jede Partei verspricht, sich über entstandene Schäden und Eigentumsfragen zu einigen.

Über einige Bestimmungen gibt es wohl Meinungsverschiedenheiten, da es bis 1271 erneut zu Kämpfen kommt. Fühlten sich die Grafen übervorteilt? Den Friedensvertrag vom 25.7.1271 unterzeichnen nur noch Ludwig III. und Gerhard IV., Graf Heinrich II. ist eventuell ein Opfer dieser Fehde geworden. Folge des gesamten Krieges ist, dass Rieneck durch Lehensbande enger an Mainz gebunden wird. Wenigstens konnte der Besitz um Wildenstein an die Pfalzgrafen, den mächtigsten Rivalen der Erzbischöfe, zu Lehen aufgetragen werden, was einen Zugriff durch Mainz verhindert. So werden 1291 Wildenstein und Kleinheubach als pfalzgräfliches Lehen Rienecks genannt, doch wird dieser Kontrakt bereits unter Graf Ludwig III. von Rieneck durchgeführt worden sein (während der Kämpfe oder kurz darauf). Mit Mainz herrscht fortan Frieden. Wildensteins Existenz als Rienecker Burg ist gesichert.

Auf lange Zeit hin finden Burg und Amt Wildenstein nur noch gelegentliche Erwähnungen. Die Burg ist nun Verwaltungsmittelpunkt, durch die Rienecker Grafen wohl meist nur für Jagdtouren aufgesucht. 1462/63 wird die Grafschaft zwischen den Brüdern Phillip dem Älteren und Phillip dem Jüngeren aufgeteilt, da sie sich auf eine gemeinsame Herrschaft nicht einigen können. Wildenstein kommt an den Älteren.

Eberhard Schenk von Erbach erhält am 31.3.1520 die Anrechte der Pfälzer Lehen um Wildenstein zugesprochen, sollte Rieneck ohne männliche Erben aussterben.

1559, am 3.9. stirbt Graf Phillip III. von Rieneck, ohne Erben zu hinterlassen. Das Lehen Wildenstein fällt an die Kurpfalz. Bereits am 14.9. kommt Graf Georg von Isenburg auf die Burg Wildenstein, um eine Auflistung des Burginventars vorzunehmen. (Dieses Inventar ist erhalten geblieben und gibt uns heute noch einen Einblick über die Gegenstände und Gebäude die sich auf Wildenstein befanden.) Er ist der Sohn Graf Antons von Isenburg, der durch Phillips Testament u. a. die Hälft aller "fahrbaren Habe" erbt. Die andere Hälfte erhält Margarethe von Erbach. Mit ihm erscheinen seine Sekretäre Johann Beyer und Johann Sarbrück, die Aufsicht hat der Gelnhäuser Notar Georg Henkel.

Begonnen wird im Obergeschoss des Haupthauses, wobei Raum für Raum durchgegangen wird und alles Bewegliche notiert wird. Nach Einigung der Aufteilung wird der Isenburger Teil auf die Ronneburg bei Hanau verbracht, während Gräfin Margarethas ihre Hälfte auf ihren Witwensitz Schönrain transportiert wird. Ein Jahr darauf bekommen die Grafen Eberhard XIV., Georg III. und Valentin II. von Erbach das Amt Wildenstein als Pfälzer Lehen. Sie setzen einen neuen Amtmann auf die Burg.

In den 1680er Jahren lebt der letzte Amtmann des Grafen Erbach  Johannes Schnellbacher mit seiner Frau Anna Maria und seinen neun (!) Kindern auf Wildenstein. Zu diesem Zeitpunkt war die Burg schon baufällig. Am 25. Dezember 1689 stirbt Johannes Schnellbacher und wird am 27. Dezember in Eschau beigesetzt. Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein soll die verfallende Anlage von Schäfern genutzt worden sein.

Auch Schatzgräber versuchen in den 1860er Jahren ihr Glück, finden natürlich nichts.


Ende März 1945 verstecken sich auch an die 100 Menschen im Keller der Ruine, um die unsinnigen Endkämpfe heil zu überstehen. Laut Zeitzeugenaussagen traf ein Artillerigeschoß den Keller an der Ostseite, verletzt wurde vermutlich niemand. Es befanden sich unter den Schutzsuchenden auch ein paar versprengte Soldaten. Als die Amerikaner den Keller betraten versteckten sich die Soldaten zwischen den Frauen und Kindern und wurden von den GI`s übersehen.

Von Gründonnerstag (29.3.) bis Ostersonntag (1.4.) verteidigen Soldaten des SS- Panzergrenadierbatalion 506 die Linie Hobbach-Wildenstein-Wildensee. Am 31.3. um 14.30 Uhr, setzen sich die Grenadiere nach Nord und Ost ab.

Fußnoten
  1. Im September 1237 wird Erzbischof Siegfried III. von Eppstein durch Kaiser Friedrich II. als Reichsverweser eingesetzt. Siegfried, der bis 1249 regiert, hat durch seine Fehden mit den Pfalzgrafen 1238/39, seinen offenen Verrat am Kaiser 1241 und den anschließenden Kämpfen wenig Muße sich um die eigenen (Mainzer) Gebietsinteressen zu kümmern.
  2. Partenstein, Rannenberg, Landesehre (bei Rottenberg), Mömbris, Eschau und Wildenstein, um nur einige zu nennen.
  3. In diesem Monat wird Werner von Eppstein Erzbischof zu Mainz.
  4. Mittelhochdeutsch "bivanc" für "umzäunte Gemarkung".
  5. Der Graf ist ein Vetter Werners von Eppstein.
  6. Die Herren von Rannenberg sind ursprünglich Lehensleute der Rienecker Grafen, wurden aber durch Mainz zum Seitenwechsel bewogen.
  7. So bei Rheinberg/Wispertal 1279/80 und Rannenberg bei Wasserlos 1266.
  8. Da er selbst für 200 Mark bürgt, wird er darauf geachtet haben, die Burg nicht verkommen zu lassen.

Letztes Update: 04.03.2006